Dr. Susanne Hofmann
Atmo­sphä­ren als par­ti­zi­pa­tive Ent­wurfs­stra­te­gie

Eine Gesell­schaft von in zuneh­men­dem Maße eman­zi­pier­ten Men­schen bean­sprucht immer stär­ker auch die Teil­habe an der Gestal­tung ihrer gebau­ten Umwelt. Ziel die­ser Arbeit ist es, eine neue Form der Nut­zer­par­ti­zi­pa­tion am archi­tek­to­ni­schen Ent­wurf zu kon­zi­pie­ren, zu prak­ti­zie­ren und beglei­tend wis­sen­schaft­lich zu reflek­tie­ren. Sie glie­dert sich in einen theo­re­ti­schen und einen empi­ri­schen Teil. Der theo­re­ti­sche Teil basiert auf einem viel­fäl­ti­gen Lite­ra­tur­stu­dium und Inter­views. Der empi­ri­sche Teil reflek­tiert die theo­re­ti­schen Unter­su­chun­gen anhand von eigens kon­zi­pier­ten, durch­ge­führ­ten und nach­be­rei­te­ten Semi­nar­übun­gen sowie Fall­bei­spie­len aus dem von der Ver­fas­se­rin initi­ier­ten Stu­di­en­pro­jekt „Die Bau­pi­lo­ten“ sowie ihrer Archi­tek­tur­pra­xis.

Aus der theo­re­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung konn­ten drei The­sen abge­lei­tet wer­den, die im Wei­te­ren empi­risch unter­sucht wur­den:

  1. Par­ti­zi­pa­tive Ent­wurfs­stra­te­gien brau­chen die Kom­mu­ni­ka­tion über Raum­at­mo­sphä­ren und deren Qua­li­tä­ten zur Schaf­fung und zur Siche­rung einer Iden­ti­tät stif­ten­den Archi­tek­tur.
  2. Die Kom­mu­ni­ka­tion über Atmo­sphä­ren sichert die Rück­kopp­lung im Ent­wurfs­pro­zess mit dem Nut­zer.
  3. Die Kom­mu­ni­ka­tion über Atmo­sphä­ren öff­net dem Archi­tek­ten die Wunschwelt des Nut­zers. Diese Erkennt­nis ver­setzt ihn in die Lage, diese Wün­sche zu abs­tra­hie­ren und zu modi­fi­zie­ren und den ratio­na­len Anfor­de­run­gen der Richt­li­nien, Bestim­mun­gen und Bud­get­for­de­run­gen ohne Sub­stanz- und Iden­ti­täts­ver­lust anzu­pas­sen.

Die empi­ri­schen Unter­su­chun­gen glie­dern sich in pro­pä­deu­ti­sche Übun­gen und in Fall­bei­spiele. Mit Stu­die­ren­den wurde in pro­pä­deu­ti­schen Übun­gen an fik­ti­ven Pro­jek­ten und in Ein­zel­aspek­ten empi­risch unter­sucht, wie atmo­sphä­ri­sche Raum­qua­li­tä­ten wahr­ge­nom­men, ana­ly­siert, erfasst, doku­men­tiert und unter Archi­tek­ten, Stu­die­ren­den der Archi­tek­tur sowie Archi­tek­tur­laien kom­mu­ni­ziert wer­den kön­nen. Ganz­heit­li­cher konn­ten die auf­ge­stell­ten The­sen an Bau­maß­nah­men oder Gut­ach­ten mit eigens dafür kon­zi­pier­ten Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­zes­sen unter­sucht wer­den. Für die Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­zesse wur­den Bau­steine kon­zi­piert, die je nach Pro­blem­lage ein­ge­setzt, modi­fi­ziert und ergänzt wur­den: All­tags­pro­to­kolle hal­ten Erkennt­nisse aus den Beob­ach­tun­gen von Hand­lungs­ab­läufe oder Rituale der Benut­zung fest. Sie bil­den eine fak­ti­sche Ent­wurfs­ba­sis und geben den Ent­wer­fen­den außer­dem ein Gefühl für die Nut­zer und deren All­tag.

Ein wich­ti­ger Bau­stein des Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­zes­ses ist der Initi­al­work­shop. Nach einer auf die Bau­maß­nahme abge­stimmte Auf­ga­ben­stel­lung erar­bei­ten die Nut­zer spie­le­risch atmo­sphä­ri­sche Wunschwel­ten. Dabei ist für den Erfolg des Work­shops ent­schei­dend, dass die Teil­neh­mer sich aus ihren All­tags­wel­ten her­aus bege­ben und sich mit mög­lichst freier Inspi­ra­tion ihren tat­säch­lich und viel­leicht unbe­wuss­ten Wunsch­vor­stel­lun­gen öff­nen.

Ein nächs­ter wich­ti­ger Schritt ist die Reak­tion der Ent­wer­fen­den auf die Work­sh­op­er­geb­nisse und die Rück­kopp­lung ihrer Ideen mit den Nut­zern. Eine wesent­li­che Rolle spielt dabei die gegen­sei­tige Ver­mitt­lung der von den Nut­zern gewünsch­ten und der von den Ent­wer­fen­den kon­zi­pier­ten Raum­at­mo­sphäre mit wie­derum atmo­sphä­risch wirk­sa­men Instru­men­ten und Metho­den. Ziel die­ses Rück­kopp­lungs­pro­zes­ses ist zunächst die Ver­stän­di­gung auf eine gemein­same Fik­tion oder Geschichte, aus der sich schritt­weise das archi­tek­to­ni­sche Kon­zept her­aus kris­tal­li­siert. Aus dem so abge­lei­te­ten archi­tek­to­ni­schen Kon­zept ent­wi­ckeln die Ent­wer­fen­den in einer immer wei­ter ver­fei­ner­ten Rück­kopp­lung, die archi­tek­to­ni­sche Ent­spre­chung der Nut­zer-Wunschwel­ten im Rah­men der pro­gram­ma­ti­schen, funk­tio­na­len, tech­ni­schen und öko­no­mi­schen Anfor­de­run­gen der Bau­maß­nahme. Der Ent­wurf ent­steht unter Teil­habe der Nut­zer im Span­nungs­feld zwi­schen Fik­tion und Rea­li­tät.

Die empi­ri­sche Unter­su­chung konnte die auf­ge­stell­ten The­sen bestä­ti­gen. In jedem der auf­ge­zeig­ten Schritte spiel­ten die Kom­mu­ni­ka­tion über Atmo­sphä­ren und/​oder Atmo­sphä­ren als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel eine wich­tige Rolle. Aus den mit die­ser Arbeit gewon­ne­nen Erkennt­nis­sen erga­ben sich auch neue Per­spek­ti­ven für die For­schung, Lehre und Berufs­pra­xis. Die par­ti­zi­pa­to­ri­sche Arbeit sollte in der Berufs­pra­xis von Archi­tek­ten als eine erwei­terte Grund­la­gen­er­mitt­lung ange­se­hen wer­den und ent­spre­chend im Leis­tungs­bild der Hono­rar­ord­nung ver­an­kert wer­den. Für eine so ver­än­derte Ent­wurfs­hal­tung sollte auch das Wesen von Archi­tek­tur­wett­be­wer­ben refor­miert wer­den.

Für die Lehre par­ti­zi­pa­ti­ver Ent­wurfs­stra­te­gien im Archi­tek­tur­stu­dium ist der Pra­xis­be­zug unab­ding­bar. Aus dem Ansatz des for­schen­den Ent­wer­fens (Design by Rese­arch / Rese­arch by Design) ergibt sich auch eine Per­spek­tive für die Ent­wurfs­for­schung. Die­ser Ent­wurfs­an­satz impli­ziert einen inter­dis­zi­pli­nä­ren refle­xi­ven Arbeits­an­satz, der die oft gewünschte wis­sen­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Dis­zi­pli­nen nahe legt. Dabei kann es sich sowohl um eine For­schung im Ver­bund mit als auch um eine eva­lu­ie­rende Beglei­tung des archi­tek­to­ni­schen Ent­wurfs durch rele­vante Dis­zi­pli­nen han­deln.
Infor­ma­tio­nen: bau​pi​lo​ten​.com